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Viktor E. Frankl
Das Leiden am sinnlosen Leben. Psychotherapie für heute
Freiburg: Herder, 10. Aufl. 2000 (Erstausgabe 1977)
Einleitung. Das Leiden am sinnlosen Leben
Jede Zeit hat ihre Neurose. Zur Zeit von Freud war es die sexuelle Frustration der viktorianisch prüden Gesellschaft, heute ist es die existentielle Frustration, das Leiden an einem abgründigen Sinnlosigkeitsgefühl. (S. 11) Im Gegensatz zum Menschen von gestern sagt dem Menschen von heute keine Traditionen mehr, was er tun soll. Nicht wissend, was er soll, weiß er oft auch nicht mehr, was er will. So will er denn oft nur das, was die anderen tun und endet im Konformismus. Oder er tut nur das, was die anderen wollen und endet im Totalitarismus. Eine dritte Konsequenz ist ein spezifischer Neurotizismus, den man als noogene Neurose bezeichnen kann. Diese Neurose geht nicht auf Komplexe und Konflikte im herkömmlichen Sinn zurück, sondern auf Gewissenskonflikte, auf Wertkollisionen und, last but not least, auf eine existentielle Frustration. (S. 13) Diese Frustration beruht auf dem Umstand, dass der Mensch eigentlich darauf aus ist, in seinem Leben einen Sinn zu finden und diesen Sinn zu erfüllen. (S. 15) Das ist eine anthropologische Konstante, die man die Selbst-Transzendenz menschlicher Existenz bezeichnen kann. Das ist die Tatsache, dass das Menschsein über sich selbst hinausweist auf etwas, das nicht selbst wieder es selbst ist - auf etwas oder auf jemanden: auf einen Sinn, den zu erfüllen es gilt, oder auf ein anderes menschliches Sein, dem wir liebend begegnen. "Im Dienst an einer Sache oder in der Liebe zu einer Person erfüllt der Mensch sich selbst. Je mehr er aufgeht in seiner Aufgabe, je mehr er hingegeben ist an seinen Partner, um so mehr ist er Mensch, um so mehr wird er er selbst. Sich selbst verwirklichen kann er also eigentlich nur in dem Maße, in dem er sich selbst vergisst, in dem er sich selbst übersieht." (S. 18) Echte Befriedigung, echtes Glück stellt sich nur da ein, wo es nicht unmittelbar angestrebt wird, sondern sich als unbeabsichtigter Nebeneffekt ergibt, wenn man den Sinn erfüllt, seine Aufgabe erfüllt hat. (S. 19) Das erklärt, warum sich bei Drogenabhängigen zu 100% das Gefühl der Sinnlosigkeit des Lebens einstellt und warum dieses Gefühl bei Kriminellen deutlich weiter verbreitet ist als in der Durchschnittsbevölkerung. (S. 20) Das Sinnlosigkeitsgefühl ist auch Quelle jener spezifisch menschlichen Aggressivität, die man als Hass bezeichnet. (S. 21)
Der Wille zum Sinn ist ein survival value, was man nicht zuletzt in Ausschwitz und Dachau lernen konnte. Diejenigen konnten dies Grenzsituationen noch am ehesten überleben, die auf die Zukunft ausgerichtet waren, auf eine Aufgabe, die auf sie wartete, auf einen Sinn, den sie erfüllen wollten. (S. 26)
Sinn kann man nicht geben, sondern nur finden. Sinn geben würde auf Moralisieren hinauslaufen, aber die Moral im alten Sinne wird bald ausgespielt haben. "Über kurz oder lang werden wir nämlich nicht mehr moralisieren, sondern die Moral ontologisieren - gut oder böse werden nicht mehr definiert werden als etwas, das man tun oder lassen sollte, sondern gut wird uns dünken, was die Erfüllung des einem Seienden aufgetragenen und abverlangten Sinnes fördert, und für böse werden wir halten, was solche Sinnerfüllung hemmt." (S. 27f.) "[B]ei der Sinn-Wahrnehmung handelt es sich um die Entdeckung einer Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit. Und diese Möglichkeit ist jeweils einmalig. Sie ist vergänglich. Aber auch nur sie ist vergänglich. Ist eine Sinnmöglichkeit einmal verwirklicht, ist der Sinn einmal erfüllt, so ist er es nämlich ein für allemal." (S. 28)
"Sinn muss gefunden, kann aber nicht erzeugt werden. Was sich erzeugen lässt, ist entweder subjektiver Sinn, ein bloßes Sinngefühl, oder - Unsinn." (S. 28) Auf der Flucht vor der Sinnlosigkeit erzeugt der Mensch entweder Unsinn oder subjektiven Sinn. Ersteres geschieht auf der Bühne des absurden theaters, letzteres im Rausch. (S. 28)
Kalifornische Forscher haben Versuchstieren Elektroden in den Hypothalamus verpflanzt. Sobald der Strom eingeschaltet wurden, erlebten die Tiere Befriedigung des Sexualtriebs oder des Nahrungstriebs. Schließlich lernten sie, den Strom selbst anzuschalten. Sie ignorierten ihre realen Geschlechtspartner und das reale Futter, das ihnen angeboten wurde. (S. 29)
Auf der Suche nach Sinn leitet den Menschen das Gewissen. Das Gewissen ist ein Sinn-Organ. Es ist die Fähigkeit, "den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren". Das Gewissen kann den Menschen auch irreführen. Bis zum letzten Atemzug weiß er nicht, ob er wirklich den Sinn seines Lebens erfüllt hat oder vielmehr nur geglaubt hat, ihn zu erfüllen. Insofern ist Sinnsuche und Sinnfindung stets von Ungewissheit und Wagnis gekennzeichnet. Daraus folgt die Haltung der Demut und der Toleranz gegenüber dem, was andere Menschen als den Sinn ihres Lebens verstehen. (S. 29)
"Es gibt keine Situation, in der das Leben aufhören würde, uns eine Sinnmöglichkeit anzubieten, und es gibt keine Person, für die das Leben nicht eine Aufgabe bereithielte." (S. 30f.) Die Möglichkeit, im Leben Sinn zu finden, ist unabhängig von Geschlecht, Intelligenzquotient, Bildungsniveau, oder davon, ob wir religiös sind oder nicht. Letzteres liegt darin, dass jemand, der bewusst nicht religiös ist, es unbewusst sehr wohl sein kann. Es gibt drei Wege, Sinn zu finden: (1.) indem man etwas tut oder schafft; (2.) indem man jemanden liebt; (3.) indem man in einer hoffnungslosen Situation das Leiden erträgt. (S. 31)
Der Wille zum Sinn
Die Psychoanalyse hat uns mit dem Willen zur Lust (Lustprinzip) vertraut gemacht und die Individualpsychologie mit dem Willen zur Macht in Form des Geltungsstrebens. Viel tiefer als diese ist jedoch der Wille zum Sinn im Menschen verwurzelt. "[W]as der Mensch wirklich will, ist letzten Endes nicht das Glücklichsein an sich, sondern ein Grund zum Glücklichsein. Sobald nämlich ein Grund zum Glücklichsein gegeben ist, stellt sich das Glück, stellt sich die Lust von selber ein." (S. 70) Beim Neurotiker wird das primäre Streben nach Sinn gleichsam abgebogen in ein direktes Streben nach Glück, in den Willen zur Lust. (S. 71) Der Imperativ des Pindar, demzufolge der Mensch werden soll, was er immer schon ist, bedarf der Ergänzung durch ein Wort von Jaspers: "Was der Mensch ist, das ist er durch die Sache, die er zur seinen macht." (S. 72) Zur Ausbildung des Willens zur Lust bzw. des Willens zur macht kommt es jeweils immer erst dann, wenn der Wille zum Sinn frustriert wird, d.h. sowohl das Lustprinzip also auch das Geltungsstreben sind neurotische Motivationen. (S. 72)
Die existentielle Frustration
Das Gefühl, dass das eigene Dasein keinen Sinn hat, hat viel mit Langeweile zu tun und resultiert insofern aus dem technologischen Fortschritt, der dem Menschen viel freie Zeit geschenkt hat. Aber es gibt nicht nur eine Freizeit von etwas, sondern auch eine Freizeit zu etwas. Der existentiell frustrierte Mensch kennt jedoch nichts, womit er diese Freiheit ausfüllen könnte. So zeigt sich die existentielle Neurose in Form der Arbeitslosigkeitsneurose oder der Sonntagsneurose (S. 76) sowie der sog. Managerkrankheit, d.h. einer Arbeitswut, der durch den Willen zum geld motiviert wird, der primitivsten Form des Willens zur Macht. (S. 76f.) Die Leere wird gefüllt mit Tratschsucht und Trunksucht. (S. 77)
Der Sinn des Leidens
Nicht nur das Schaffen kann dem Leben Sinn geben (schöpferische Werte), sondern auch die Liebe (Erlebniswerte) und das Leiden. Dieses stellt den höchsten Wert dar, die >Gelegenheit, den tiefsten Sinn zu erfüllen. Dabei kommt es auf die Haltung an, in der sich jemand einer Krankheit stellt und sich damit auseinandersetzt. (S. 80) Insofern kann man von den Einstellungswerten sprechen. Die Einstellungswerte erweisen sich den schöpferischen und den Erlebniswerten gegenüber insofern ausgezeichnet als der Sinn des Leidens (homo patiens) dem Sinn der Arbeit (homo faber) und dem Sinn der Liebe (homo amans) dimensional überlegen ist. (S. 81) Seine Kategorien heißen nicht Erfolg und Misserfolg, sondern Erfüllung und Verzweiflung. Der homo patiens kann sich noch im äußersten Misserfolg, im Scheitern erfüllen. (S. 82)
Logotherapie und Religion
"Nehmen wir das Beispiel eines Affen, dem schmerzhafte Injektionen gegeben werden, um ein Serum zu gewinnen. Vermag der Affe jemals zu begreifen, warum er leiden muss? Aus seiner Umwelt heraus ist er außerstande, den Überlegungen des Menschen zu folgen, der ihn in seine Experimente einspannt; denn die menschliche Welt ist ihm nicht zugänglich. An sie reicht er nicht heran, in ihre Dimension gelangt er nicht hinein; aber müssen wir nicht annehmen, dass die menschliche Welt selber und ihrerseits überhöht wird von einer nun wieder dem Menschen nicht zugänglichen Welt, deren Sinn, deren Übersinn allein seinem Leiden erst den Sinn zu geben imstande wäre? Der im Glauben vollzogene Schritt in die ultra-humane Dimension ist nun fundiert durch die Liebe. […] Wer hätte nicht schon mit angesehen, wie ein Hund, dem - in seinem Interesse, sagen wir durch einen Tierarzt - ein Schmerz zugefügt werden muss, voll Vertrauen aufblickt zu seinem Herrn. Ohne ‚wissen' zu können, welchen Sinn der Schmerz haben soll, ‚glaubt' das Tier insofern, als es seinem Herrn vertraut, und zwar eben weil es ihn liebt - sit venia anthromomorphismo." (S. 92)
Menschliches Dasein weist immer schon über sich hinaus, weist immer schon auf einen Sinn hin. Menschsein ist Verantwortlichsein. Der Mensch ist für die Erfüllung seines Sinns verantwortlich. Für die Psychotherapie muss das Wovor der Verantwortung offen bleiben. Es muss dem Patienten überlassen bleiben, ob er sich in Verantwortung vor der Gesellschaft sieht oder vor der Menschheit, vor dem Gewissen oder vor einer Gottheit. (S. 93) "Genauso, wie wir seit Kant wissen, dass es irgendwie sinnlos ist, über Kategorien wie Raum und Zeit hinaus zu fragen, einfach darum, weil wir nicht denken und so denn auch nicht fragen können, ohne Raum und Zeit immer schon vorauszusetzen - genauso ist das menschliche Sein immer schon ein Sein auf den Sinn hin, mag es ihn auch noch so wenig kennen: Es ist da so etwas wie ein Vorwissen um den Sinn; und eine Ahnung von Sinn liegt auch dem […] so genannten "Willen zum Sinn" zugrunde. Ob er es will oder nicht, ob er es wahrhat oder nicht - der Mensch glaubt an einen Sinn, solange er atmet." (S. 94)
Albert Einstein hat gesagt: Der Mensch, der eine Antwort auf die frage nach dem Sinn des Leben gefunden habe, sei ein religiöser Mensch. Paul Tillich sagt: "Religiös sein heißt, leidenschaftlich die Frage nach dem Sinn unserer Existenz zu stellen." Ludwig Wittgenstein sagt: "An Gott glauben heißt sehen, dass das Leben einen Sinn hat." (Tagebücher 1914-1916)
Was sagt der Psychiater zu modernen Literatur?
"Es gehört zum Wesen der Sprache schizophrener Patienten […], dass sie sich nicht mehr auf einen Gegenstand bezieht, sondern tatsächlich nur noch Ausdruck eines Zustandes ist. Die Sprache normaler Menschen jedoch ist und bleibt gegenstandsbezogen, sie weist über sich selbst hinaus. Mit einem Wort, Sprache ist ausgezeichnet durch ihre Selbst-Transzendenz." (S. 110)